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Botschafter Shi Mingde gab Junge Welt ein Interview: „China kämpfte hart für den Sieg"
2015/09/05

Vor 70 Jahren endete mit der Kapitulation Japans auch für China der Zweite Weltkrieg. Heute muss Peking die Remilitarisierung des Landes kritisieren. Gespräch mit Botschafter Shi Mingde

Für China begann der Zweite Weltkrieg schon zwei Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen, nämlich 1937 (»Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke«), und endete erst über drei Monate nach der deutschen Kapitulation, am 9. September 1945 (Kapitulation der japanischen Armee in China, offizielle Kapitulation Japans am 2.9.1945). Welchen Stellenwert nimmt das Gedenken zum 70. Jahrestag des Endes des Krieges gegen japanische Aggression in der Volksrepublik ein, wie gehen die Chinesen mit der Erinnerung daran um?

Dieses Jahr jährt sich der Sieg des chinesischen Volkes im Krieg gegen die japanische Aggression und im Kampf gegen den weltweiten Faschismus zum 70. Mal. Der Krieg gegen die japanische Aggression ist ein wichtiger Bestandteil des Krieges gegen den Faschismus gewesen; China war der Hauptkriegsschauplatz im Osten, und Chinas Widerstandskrieg begann schon sehr früh, er dauerte am längsten und forderte die meisten Opfer. China kämpfte hart und entschlossen für den Sieg und leistete einen enorm großen Beitrag zur Niederschlagung des Faschismus. In diesen bedeutungsvollen Tagen halten Regierung und verschiedenste gesellschaftliche Kreise Chinas eine Reihe von Gedenkveranstaltungen ab. Am 3. September findet in Peking eine Militärparade zur 70-Jahr-Feier des Sieges im Widerstandskrieg statt, zu der ausländische Staatsoberhäupter und Regierungschefs sowie auch ausländische Truppenteile eingeladen sind. Das Ziel der Militärparade ist die Erinnerung an die Geschichte, das Gedenken an die Märtyrer, die Wertschätzung des Friedens, die Gestaltung einer neuen Zukunft, die Bewahrung der Ergebnisse des Sieges im weltweiten antifaschistischen Krieg und der internationalen Nachkriegsordnung, sowie der Erhalt eines dauerhaften Friedens für die Menschheit.

Die Verbrechen der Japaner, zum Beispiel das Massaker von Nanjing, sind mit den Massenmorden der deutschen Faschisten in Osteuropa und der UdSSR vergleichbar. Sie selbst haben in den 70er Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik studiert, in der die Aufarbeitung des Hitlerfaschismus und das Bekenntnis zum Antifaschismus einen zentralen Stellenwert einnahmen. Findet Ihrer Meinung nach in Japan genügend Aufarbeitung und Aufklärung über diese historischen Verbrechen statt?

Ich bin beeindruckt davon, wie Deutschland in den 70 Jahren seit Kriegsende die Vergangenheit aufgearbeitet und mutig seine Verantwortung übernommen hat. Deutschland hat sich das Vertrauen und den Respekt der Welt und besonders seiner europäischen Nachbarländer erworben, es hat für den Frieden und die Entwicklung nach dem Krieg und für die Integration Europas eine bedeutende Rolle gespielt. Eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass es sich mutig seiner Geschichte gestellt und sich mit ihr auseinandergesetzt hat, und dass damit eine Versöhnung mit den anderen Ländern erreicht wurde. Beim Umgang mit der Geschichte sollte Japan von Deutschland lernen. Es sollte sich gewissenhaft seiner eigenen Aggressionsgeschichte stellen und eine tiefgehende Selbstprüfung vornehmen, um so wirklich zu erreichen, dass die Vergangenheit als Warnung für die Zukunft dient, dass der Wiederholung solcher Fehler vorgebeugt wird, dass Friede und Entwicklung bewahrt werden, und dass das Vertrauen der Nachbarländer erworben wird.

Regelmäßig pilgern japanische Ministerpräsidenten zum shintoistischen Yasukuni-Schrein, in dem auch den zum Tode verurteilten Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges ehrend gedacht wird. Auch der aktuelle Premier Shinzo Abe war bereits dort. Was bezweckt die heutige japanische Regierung Ihrer Meinung nach mit derartigen kriegsverherrlichenden Ritualen?

Der Yasukuni-Schrein ist ein geistiges Instrument und das Symbol des vom japanischen Militarismus entfesselten Agressionskrieges. Bis heute werden dort immer noch 14 Kriegsverbrecher der ersten Kategorie (führende japanische Politiker und Militärführer aus der Zeit des Krieges, die später zum Tode verurteilt wurden, jW) geehrt. Ob die japanische Führung zum Yasukuni-Schrein pilgert, zeigt an, wie das Land mit der Geschichte der Aggression und der Kolonialherrschaft des Militarismus umgeht. Wir sind entschieden gegen Besuche von Führungspersönlichkeiten Japans in diesem Schrein und hoffen, dass Japan in dieser wichtigen Stunde der siebzigjährigen Wiederkehr des Endes des Zweiten Weltkrieges mehr Handlungen unternimmt, die der Versöhnung mit seinen asiatischen Nachbarländern und der Stärkung des gegenseitigen Vertrauens dienen, und nicht solche, die das Gegenteil bewirken.

In diesem Jahr hat die japanische Regierung eine neue Militärdoktrin beschlossen, die Auslandseinsätze erlaubt – trotz einer gültigen Nachkriegsverfassung, die dem Land eigentlich jedes Militär verbietet. Ist Japan dabei, die Potsdamer Beschlüsse, also auch die asiatische Nachkriegsordnung, auszuhebeln?

Aus historischen Gründen wird es von den asiatischen Nachbarländern und der internationalen Gemeinschaft immer höchst aufmerksam verfolgt, wenn sich in Japan in militärischer Hinsicht etwas bewegt. Die Abe-Regierung treibt derzeit eine neue Sicherheitsgesetzgebung voran, Japans Verteidigungspolitik durchläuft gegenwärtig einen schwerwiegenden Wandel, was nicht nur in Japan selbst auf heftigen Widerstand trifft, sondern auch Besorgnis in den Nachbarländern hervorruft. Wir hoffen, dass Japan ernsthaft Lehren aus der Geschichte zieht, auf dem Gebiet des Militärs und in der Sicherheitspolitik besonnen handelt und an dem Weg einer friedlichen Entwicklung festhält. Es sollte die schwerwiegenden Sicherheitsbedenken seiner asiatischen Nachbarländer ernst nehmen und nichts tun, was dem Frieden und der Stabilität der Region und der Völkergemeinschaft nicht dienlich ist.

Die japanische Wirtschaft steckt seit vielen Jahren in einer tiefen Krise. Das Handelsvolumen zwischen China und Japan nimmt jedoch stets weiter zu, seit 2012 rechnen beide Länder ihren Handel nicht mehr in US-Dollar, sondern in den eigenen Landeswährungen ab. Gefährdet Japan mit seinen politischen Manövern nicht einen sehr wichtigen Markt?

Die Volkswirtschaften von China und Japan rangieren als Nummer zwei bzw. Nummer drei in der Welt, und die Weiterentwicklung ihrer Wirtschaftsbeziehungen liegt in ihrem wechselseitigen Interesse. 2014 war China der größte Handelspartner Japans und sein größtes Export-Zielland, während Japan umgekehrt Chinas fünftgrößter Handelspartner und eines der bedeutendsten Herkunftsländer für Investitionen war. Seit 2012 sind die chinesische Währung Renminbi und der japanische Yen direkt konvertierbar, was die Zusammenarbeit beider Länder im Banken- und Finanzsektor weiter gefördert hat und für die Internationalisierung des Renminbi einen wichtigen Schritt darstellt. Im Mai 2015 hat China bereits mit 32 Staaten bzw. Regionen Abkommen zur gegenseitigen Konvertierbarkeit der Währungen abgeschlossen, in 15 Ländern bzw. Regionen wurden Clearing-Zentren für den Renminbi eingerichtet. Ich vertrete stets die Meinung, dass sich die politischen und die Wirtschaftsbeziehungen gegenseitig beeinflussen und befruchten, und die chinesische Seite hält stets an ihrer guten Absicht fest, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auszubauen. Sie hofft, dass Japan im selben Sinne handelt.

Der unter anderem von China gegründeten Asiatischen Infrastrukturinvestitionsbank (AIIB) will Japan nicht beitreten, die USA boykottieren die Entwicklungsbank ebenfalls. Andererseits haben sich über 50 Nationen, darunter Indien und Pakistan, an der AIIB beteiligt. Spaltet sich die Welt in einige wenige Großmächte auf der einen und die Entwicklungsländer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas auf der anderen Seite?

Die AIIB ist eine multilaterale internationale Institution, sie ist eine nützliche Ergänzung und keine Konkurrenz für die bereits bestehenden Entwicklungsinstitutionen. Nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank (Asian Development Bank) wird Asien in der Zeitspanne bis 2020 einen jährlichen Infrastruktur-Investitionsbedarf von 730 Milliarden US-Dollar haben, den die derzeit vorhandenen Institutionen wie die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank nicht decken können. Vor diesem Hintergrund hat China die Gründung der neuen Bank initiiert. Vor kurzem haben 57 prospektive Gründungsländer die Statuten der AIIB unterzeichnet und festgelegt, dass die Zentrale ihren Sitz in Peking haben wird. Entsprechend der zukünftigen Entwicklung der Arbeit der AIIB werden auch an anderen Orten Einrichtungen oder Büros der Bank geschaffen. China ist bereit, zusammen mit allen anderen Mitgliedern gemäß den Prinzipien von Öffnung, Inklusivität und Transparenz aktiv eine komplementäre und effektive Zusammenarbeit der AIIB mit den bereits bestehenden multilateralen Entwicklungsinstitutionen zu verfolgen, um so die konkrete Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen und zum gemeinsamen Gewinn kontinuierlich zu verstärken und für die regionale und globale Wirtschaft neue Triebkräfte zu schaffen.

Welche Chancen billigen Sie den sogenannten BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika als aufstrebenden Entwicklungsländern zu?

Die BRICS-Staaten stehen für 42 Prozent der Weltbevölkerung, ihre Landfläche steht für 26 Prozent der globalen Landfläche, ihr Wirtschaftsvolumen umfasst 27 Prozent des global erwirtschafteten Werts. In den letzten zehn Jahren trugen sie zu mehr als der Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums bei. Damit bilden sie einen wichtigen Motor für die Erholung und die nachhaltige Weiterentwicklung der Weltwirtschaft. Seit dem offiziellen Start des Kooperationsformats der BRICS-Staaten 2009 ist dieses zu einer wichtigen Plattform für die Zusammenarbeit zwischen den Schwellenländern und den Entwicklungsländern geworden. Alle BRICS-Länder sind wichtige Mitglieder von internationalen Organisationen und multilateralen Mechanismen wie den Vereinten Nationen und der G 20. Die fünf Staaten stimmten und stimmen sich in wichtigen internationalen Fragen wie der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise und beim Klimawandel sowie einigen regionalen Brandherden ab und arbeiten eng zusammen, mit dem Ziel, die Gesamtinteressen der Entwicklungsländer zu wahren und die Präsenz und das Mitspracherecht der Schwellen- und Entwicklungsländer in den internationalen Angelegenheiten zu stärken.

70 Jahre nach Ende des Krieges sind die Beziehungen zwischen China und Russland, dem größten Nachfolgestaat der UdSSR, wieder deutlich enger geworden. Der russische Präsident Putin hat jüngst angekündigt, eine weitergehende Kooperation mit der VR China auch in militärischen Belangen einzugehen. Warum rücken diese beiden Siegermächte des vergangenen Weltkrieges nun wieder enger zusammen?

Im letzten halben Jahrhundert sind die Beziehungen zwischen China und Russland bzw. der Sowjetunion einen nicht gewöhnlichen Weg gegangen. Vom Freundschaftsbündnis über die Verschlechterung der Beziehungen hin zu gutnachbarschaftlichen Beziehungen und zur strategischen Kooperationspartnerschaft durchliefen sie mehrere Wandlungsphasen. Derzeit befinden sich die chinesisch-russischen Beziehungen in ihrer historisch besten Phase, die beiden Länder haben eine umfassende strategische Kooperationspartnerschaft geschlossen, bei der es sich um bündnisfreie, nichtkonfrontative und nicht gegen eine dritte Seite gerichtete zwischenstaatliche Beziehungen neuen Typs handelt. Diese Kooperationen sind von Nutzen für beide Seiten, sie sind auch von Nutzen für den Weltfrieden, die Entwicklung und die Stabilität.

In der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) sind Russland und China, aber auch die Länder Pakistan und Indien vertreten. Zu den Zielen der Organisation zählt die Beilegung von Konflikten, es werden auch gemeinsame Militärmanöver abgehalten. Soll aus der SOZ ein neues Militärbündnis entstehen?

In den 14 Jahren ihres Bestehen hat sich die SOZ zu einem effektiven Mechanismus und zu einer konstruktiven Kraft für die Wahrung von Sicherheit und Stabilität in der Region und für die gemeinsame Entwicklung der Mitgliedsländer entwickelt. Sie ist eine Organisation für die regionale Zusammenarbeit in der Politik, Wirtschaft und Sicherheitspolitik, sie wird nicht zu einem Militärbündnis werden. Sicherheit und Stabilität sind die wichtigsten Vorbedingungen für die Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen, für die gemeinsame Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen den Ländern in jeder Weltgegend. Die polizeiliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit dem Schwerpunkt Terrorismusbekämpfung war immer schon ein Arbeitsschwerpunkt der SOZ. Die deutlichen Erfolge, die seit vielen Jahren auf Seiten aller Beteiligten bei der Bekämpfung von Terrorismus, Radikalismus und Separatismus sowie bei der Wahrung von Sicherheit und Stabilität in den Mitgliedsländern und in der Region erzielt wurden, haben durch die internationale Gemeinschaft breite Anerkennung gefunden. Beim letzten Gipfeltreffen in Ufa haben die beteiligten Staatschefs die »SOZ-Entwicklungsstrategie bis 2025« unterzeichnet und eine detaillierte Blaupause für die Kooperation innerhalb der Organisation im nächsten Jahrzehnt geschaffen. Ich bin der Überzeugung, dass eine lebenskräftige und kontinuierlich erstarkende SOZ für den Frieden und die Stabilität in ihrer Region und in der Welt noch größere Beiträge leisten wird.

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