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Tibet: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Expertendiskussion in Berlin
2015/12/15

Anlässlich des 50. Jubiläums des Autonomen Gebiets Tibet hatte die Botschaft der Volks­re­publik China in Berlin am 3. Dezember 2015 zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Tibet: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" eingeladen.

Eine Expertenrunde, bestehend aus Awang, Vizevorsitzendem der Politischen Konsulta­tiv­konferenz des Autonomen Gebiets Tibet, Markus Rudolph, Chinaexperten des Landes­fach­ausschusses der CDU Hamburg, Dr. Albert Ettinger, Autor der Bücher „Freies Tibet? Staat, Gesellschaft und Ideologie im real existierenden Lamaismus" und „Kampf um Tibet: Ge­schichte, Hintergründe und Perspektiven eines internationalen Konflikts", und Prof. Dr. An­dreas Gruschke, deutschem Tibetologen und Gastprofessor am Institute of Social Develop­ment & Western China Development Studies der Sichuan-Universität, traf zusammen, um zu die­sem Thema ihre Sicht der Dinge zu präsentieren.

      

Zuerst fand der chinesische Botschafter Shi Mingde einleitende Worte, um einen sachlichen Austausch an Argumenten anzuregen. Hierbei war ihm aufgrund des „hier zu Lande einseitig und mit großer Voreingenommenheit" geführten Dialogs wichtig, dass eben auch über „die Ge­schichte, Kultur, Tradition und die großen Veränderungen, die Tibet in den letzten Jahr­zehnten durchgemacht hat", gesprochen werde. Ihm zufolge solle mit dieser Podiums­dis­kus­sion eine Plattform geboten werden, die eine unvoreingenommenere Auseinandersetzung mit dem Thema gewährleistet.

Zur Eröffnung der Diskussionsrunde ergriff Moderator Dr. Gruschke das Wort und bat den Gastexperten aus Tibet, Awang, kurz die Situation in Tibet darzustellen. Awang erzählte von der Entwicklung in Tibet. Seiner Meinung nach habe sich Tibet insbesondere durch die Ein­führung der Reform- und Öffnungspolitik schnell entwickelt. Im Vergleich zu früher hätten sich grundlegende Veränderungen vollzogen. Als Beleg hierfür führte Awang das BIP an, das von 1965 zu 2014 um ein 69faches angestiegen sei. Nichts desto trotz fügte er hinzu, dass es noch vieles zu verbessern gebe, da z.B. die Wirtschaftsleistung noch nicht hin­rei­chend sei.

       

Dann fing man an, über die Vergangenheit Tibets zu diskutieren. Dr. Ettinger empfand die Auffassung der „Groß-Tibet-Vision des Dalai Lama", die ein Viertel des heutigen chi­ne­si­chen Territoriums ausmacht, auf die viele (bewusst oder unbewusst) sich heute noch be­ru­fen, als eine „Absurdität". Das wäre so, „als ob man sich in Deutschland heute noch auf Karl­ den Großen beriefe, um Grenzen festzulegen." Wenn man über Tibet diskutiere, müsse man über die Figur des Dalai Lama sprechen. Dr. Ettinger meinte, der Dalai Lama sei „sicher nicht so etwas wie ein buddhistischer Papst". Gruschke sah ihn weder als politisches noch ein reli­giö­ses Oberhaupt für alle Tibeter. „Das liegt vor allem daran, dass es im ti­be­ti­schen Buddhismus verschiedene Schulen gibt."

Als besonders interessant wurde die Wahrnehmung des Dalai Lama in Europa bezeichnet. So werde aus Herrn Rudolfs Sicht der Dalai Lama „gefeiert wie ein Popstar". Das sei ganz in­ter­essant, wenn man sich anschaue, dass die Leute in Europa sich mehr und mehr vom katho­lischen Glauben abwenden. "Viele Europäer wenden sich dem Buddhismus zu, ohne zu wis­sen, dass es fünf unterschiedliche Schulen gibt." Für viele Europäer gebe es nur den Budd­hismus in Person des Dalai Lama.

Nach dem Ende der Kulturrevolution habe nach Ansicht von Dr. Gruschke der Buddhis­mus eine Blütezeit erlebt. „Wenn über Menschenrechte gesprochen wird, dann wird häufig auch über Religionsfreiheit gesprochen." Das Recht auf Religionsfreiheit sei in der Volksrepublik China ein Recht jedes Bürgers. Im Gegenzug „erwartet der Staat allerdings, dass die Religion sich aus der Politik heraushält."

Für Herrn Rudolf stellte sich die Frage, warum sich so viele Menschen für Tibet interessieren. „Es gibt so viele andere Länder auf der Welt, in denen es Probleme gibt. Warum Tibet? Weil es dort die Verknüpfung mit dem Dalai Lama und dem Buddhismus gibt, was natürlich reli­giöse Schwärmerei ist. Im Fall von Tibet werden Religion und Politik in einen Topf gewor­fen."

Dr. Ettinger erklärte es für notwendig, in der Tibet-Thematik ein bisschen genauer hinzu­schauen. So sollen zur Zeit der Kulturrevolution angeblich 6 000 Klöster zerstört worden sein. „Die Zahl ist völlig aus der Luft gegriffen." Es gebe in Tibet etwas mehr als 3 000 Klö­ster, also könne es nicht sein, dass mehr zerstört worden seien als es gebe. Laut einer nicht näher genannten wissenschaftlichen Quelle sagte Ettinger, dass die chinesische Zentral­re­gie­rung in den letzten Jahrzehnten den Wiederaufbau von 1 787 Klöstern finanziert habe. Er­wähnenswert aus Ettingers Sicht schien die Tatsache, dass die oft als so gewaltlos dar­ge­stell­ten Mönche in Tibet auch verantwortlich für einige Unruhen seien, die es in den letzten Jahr­zehnten gab. „Die Unruhen in 2008 waren durchaus gewalttätig. Es wurden teilweise Leute auf der Straße gelyncht. Man hat Geschäfte angezündet. Das wurde hier natürlich wie­der völ­lig anders dargestellt, und auch in der Presse hat das keinen Niederschlag gefunden."

Zum Schluss kam noch zur Sprache, dass in Tibet ein gewisser Religionszwang üblich war. Es sei relativ normal, dass tibetische Eltern ihre sechs- oder siebenjährigen Kinder ins Kloster schickten, ohne die Kindern zu fragen. „Wo bleibt das Menschenrecht des Kindes, das auf Lebenszeit im Kloster leben muss?", fragte Dr. Gruschke zum Ende der Diskussionsrunde.

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