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Liu Yandong „Kein Ausverkauf Deutschlands"
Chinas stellvertretende Ministerpräsidentin zur Suche nach mehr Kooperation.
2016/11/25
 
 

Am 25. November veröffentlichte Handelsblatt ein Interview mit stellvertretender Ministerpräsidentin Liu Yandong. Im Folgenden der Artikel im Wortlaut:

In Deutschland wächst die Ablehnung gegen chinesische Investoren - zuletzt bei Aixtron und Osram. Was ist Chinas Antwort auf wachsende Zweifel an chinesischen Übernahmen deutscher Firmen?

Zum einen unterstützt die chinesische Regierung tatkräftig ehrgeizige und leistungsfähige Unternehmen mit hoher Bonität dabei, „in die Welt hinauszugehen" und sich auf der Basis des beiderseitigen Nutzens und des gemeinsamen Gewinnens sowie gemäß den Prinzipien marktorientierten Wirtschaftens ausländische Märkte zu erschließen, einschließlich des europäischen. Dabei werden eine gesetzeskonforme Führung der Unternehmen, die Respektierung des Schutzes geistigen Eigentums, die Schaffung von Arbeitsplätzen vor Ort und die Übernahme von sozialer Verantwortung gefordert. In der Tat wurde bei der weit überwiegenden Mehrheit der Investitionen bzw. Übernahmen deutscher durch chinesische Firmen - ein Beispiel wäre der Kauf von Putzmeister durch Sany Heavy Industry - nicht nur die Stabilität des Managements und der Arbeitsplätze auf der deutschen Seite gewahrt. Diese Firmen erhielten dadurch auch Zugang zu neuem Kapital und zu neuen Märkten. Diese Art von Kooperation hat wechselseitigen Nutzen und gemeinsames Gewinnen ermöglicht.

Aber dennoch wachsen in Deutschland Ängste vor einem Ausverkauf.

Chinesische Investitionen in Deutschland haben in den letzten Jahren zwar stark zugenommen. Der Anteil Chinas am Gesamtvolumen des von Deutschland akquirierten ausländischen Kapitals beträgt jedoch noch nicht einmal ein Prozent. Der sogenannte „Ausverkauf Deutschlands" ist eine vollkommen unbegründete Sorge. Derzeit gibt es 8000 deutsche Firmen in China, die kumulierten Investitionen liegen bei über 60 Milliarden Euro. In Deutschland gibt es 2000 chinesische Unternehmen mit einem Investitionsvolumen von 7,55 Milliarden Euro. Wenn die chinesisch-deutschen Investitionen in beiden Richtungen ausgeglichener und vielfältiger werden, dann wird das der Wirtschaftszusammenarbeit beider Länder nur noch mehr Vorteile bringen.

Ist Chinas Öffnung den von Dauer?

Chinas Wirtschaft rangiert zwar weltweit auf Platz zwei, doch China ist nach wie vor ein Entwicklungsland. Chinas Öffnung ist ein Tor, das sich immer weiter auftun, aber keinesfalls wieder schließen wird. Die chinesische Seite ist dabei, die Regelung für die Anwerbung von ausländischem Kapital in der Form von Inländer-Behandlung in der Marktzulassungsphase in Verbindung mit Negativlisten in erweitertem Umfang als Pilotprojekt durchzuführen. Es wird seine Bemühungen zur Kapitalanwerbung verstärken. China bietet für ausländisches Kapital einen großen Entwicklungsspielraum und ein enormes Potenzial.

Bereiten Ihnen die Drohungen mit Anti-Dumping-Zöllen im Stahlbereich Sorgen? Wie würde China reagieren, wenn sie in der EU und den USA eingeführt werden?

Die Überkapazitäten in der Stahlproduktion sind ein weltweites Problem. Die grundlegenden Ursachen dafür sind in der zögerlichen Erholung der Weltwirtschaft und in der Schrumpfung der Nachfrage zu suchen. Die Schwierigkeiten, vor denen die europäische und amerikanische Stahlindustrie augenblicklich stehen, auf die Überkapazitäten der chinesischen Stahlindustrie und ihre Exportsubventionen zurückzuführen, entbehrt jeder Grundlage und ist ungerecht.

Was heißt das konkret?

Der missbräuchliche Einsatz von Maßnahmen zur Stützung von Wirtschaft und Handel wie Anti-Dumping-Zölle wäre für die Lösung der Probleme der weltweiten Überkapazitäten in der Stahlindustrie und der Entwicklung der Stahlbranche keineswegs hilfreich. Sie würde vielmehr dem Protektionismus Vorschub leisten und zur Entstehung von Handelskriegen führen. Die Einstellung der chinesischen Regierung zur Auflösung der Überkapazitäten ist offensichtlich, und ihre Maßnahmen zeugen von Stärke.

Welche meinen Sie?

In den letzten drei Jahren sind bereits durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen Überkapazitäten in der Stahlproduktion im Umfang von nahezu 100 Millionen Tonnen abgebaut worden, und in diesem Jahr wird eine Reduktion um 45 Millionen Tonnen hinzukommen. Wir hoffen, dass im globalen Rahmen noch mehr Volkswirtschaften aktive Maßnahmen ergreifen, die auf ihre jeweilige Situation und auf ihren Entwicklungsstand zugeschnitten sind. Um damit alle gemeinsam einen Beitrag zu leisten, die weltweiten Überkapazitäten in der Stahlindustrie in den Griff zu bekommen. China ist ebenfalls willens, aus einer Haltung der Offenheit, Toleranz und aktiven Zusammenarbeit heraus mit den unterschiedlichen Ländern einschließlich der Europäischen Union und USA Lösungswege zu untersuchen und zu diskutieren.

Haben die Differenzen um Firmenkäufe wie Aixtron das deutsch-chinesische Verhältnis verschlechtert?

Dass sich die pragmatische Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland auf Gebieten wie Wirtschaft und Handel Tag für Tag vertieft, hat beiden Ländern ganz handfesten Nutzen beschert. China und Deutschland verfügen in weiten Bereichen über gemeinsame Interessen, zu denen auch die Bekämpfung des Protektionismus in Handel und bei Investitionen gehört, weil beide Nationen bedeutende Fertigungs- wie auch Exportländer sind und damit zu den maßgeblichen Nutznießern der Liberalisierung des Handels zählen. Beide Seiten haben das Prinzip verinnerlicht, wonach das Miteinander beiderseitigen Nutzen, das Gegeneinander hingegen nur Schaden verursacht.

Aber es gab zuletzt Probleme.

Natürlich gäbe es selbst unter noch besseren Partnern Differenzen oder gar Auseinandersetzungen. Liegen Differenzen vor, sollten sie im Dialog über Verhandlungen ausgeräumt werden. Was die Probleme bei der Lösung von Kontroversen und Reibungen in Wirtschaft und Handel zwischen China und Deutschland angeht, bestand bisher zwischen den zwei Ländern eine vorzügliche Partnerschaft. Und es gab immer wieder Erfolgserlebnisse. Ich bin zuversichtlich, dass beide Seiten in der Lage sind, auf dem Wege des Dialogs und der Kommunikation angemessen auf die neuen Probleme zu reagieren, die in der wechselseitigen Zusammenarbeit auftauchen. Das wäre für beide Seiten von Vorteil.

In welchen Bereichen wollen Sie denn eine Kooperation vertiefen?

Derzeit entwickelt sich die umfassende strategische Partnerschaft zwischen China und Deutschland gut. Zwischen beiden Ländern gibt es einen sehr engen und hochrangigen Besuchsaustausch. Die vierte Runde der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen brachte eine Fülle von Resultaten. Deutschland und China kooperieren sehr eng im Rahmen der G20-Troika: Gemeinsam haben wir die erfolgreiche Durchführung des Gipfels in Hangzhou vorangetrieben.

Wird es auch mehr Zusammenarbeit außerhalb der Politik geben?

2016 ist auch das Jahr des chinesisch-deutschen Jugendaustausches. Seit die Staatsoberhäupter der beiden Länder im März gemeinsam das Austauschjahr eröffneten, haben über 60,000 Jugendliche beider Seiten an dem Austausch teilgenommen - ein neuer Glanzpunkt des kulturellen Austausches zwischen beiden Ländern. Auf meiner jetzigen Deutschlandreise habe ich am „Hamburg Summit: China meets Europe" und an kulturellen Austausch-Veranstaltungen teilgenommen. Hier geht es um die Umsetzung der wichtigen Kooperation, die die Führungspersönlichkeiten beider Länder dieses Jahr erzielt haben. Im Vordergrund stehen besonders die Kontakte und die Zusammenarbeit in kulturellen Bereichen wie Wissenschaft und Technik, Bildung, Jugendarbeit und Fußball.     

Wie kann die Zusammenarbeit im Sportbereich zwischen China und Deutschland verbessert werden?

Die Förderung des Austauschs zwischen China und Deutschland im Sport-, insbesondere Fußballbereich ist eine wichtige Aufgabe im Rahmen meines Deutschlandbesuchs. Deutschland ist eine große Nation im Weltfußball, von seinen Erfahrungen kann China lernen. Die Führungspersönlichkeiten beider Länder legen großen Wert auf Kooperation und Austausch in diesem Bereich, und in den Sport- und Fußballkreisen beider Seiten wird es zur Unterzeichnung einer Reihe von Fußball-Kooperationsvereinbarungen kommen. Diese werden viele Bereiche umfassen.

Welche denn?

Es wird sowohl eine strategische Zusammenarbeit auf nationaler Ebene geben, als auch den Austausch zwischen den Profi-Ligen, die Ausbildung von Spielernachwuchs, gegenseitige Besuche der Nationalmannschaften und Trainer-Coaching. Fußball-Fachleute beider Länder werden außerdem ein Forum zur deutsch-chinesischen Fußballentwicklung organisieren, auf dem die Förderung des Austausches und der Zusammenarbeit im Fußball gemeinsam geplant werden wird. China wird die Olympischen Winterspiele 2022 ausrichten. China und Deutschland können daher auch hier ihre Kooperation verstärken, nicht nur auf der Wettkampfebene, sondern auch was den Erfahrungsaustausch in Bereichen wie Breitensport, Marketing, Infrastruktur-Wartung, Ausrichtung von Wettkämpfen und Entwicklung der Sportindustrie betrifft.

Frau Liu, herzlichen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Mathias Brüggmann. Sie wurden schriftlich beantwortet.

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