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WELT-Interview mit Herrn Botschafter Shi Mingde
2018/11/22

WELT: Herr Shi, China wird heute in Deutschland und Europa vor allem als Bedrohung dargestellt; politisch, wirtschaftlich und teilweise sogar militärisch. Vor wenigen Jahren war das noch ganz anders. Was ist da schiefgelaufen?

Shi Mingde: Da ist gar nichts schiefgelaufen. Die politischen Beziehungen zwischen China und Deutschland sind so eng und gut wie nie. Seit ich 2012 Botschafter in Berlin bin, haben Staats- und Regierungschefs beider Länder schon 14 Mal einander besucht. So intensive Beziehungen wie mit Deutschland pflegt China mit keinem anderen europäischen Land. Auch wirtschaftlich sind die beiden Länder so eng verflochten wie nie. Bereits 2 Jahre in Folge ist China Deutschlands größter Handelspartner weltweit. Für dieses Jahr steht die Chance gut, diesen Platz zu verteidigen.

WELT: Trotzdem hat sich die Stimmung gegenüber China gewandelt. Vielleicht reicht es einfach nicht, nur wirtschaftlich bedeutend zu sein, um Vertrauen zu gewinnen.

Shi: Hinter diesem Widerspruch von Fakten und Stimmung steht vor allem die Frage, wie die Welt Chinas Entwicklung beurteilt. Bringt Chinas Entwicklung mehr Potenzial für Zusammenarbeit oder ist die Entwicklung eine Bedrohung. Viele Menschen im Westen gehen von letzterem aus, auch wenn es ein Irrglaube ist.

WELT:Waren diese Menschen zuvor naiv und haben China unterschätzt? Oder ist auch China in den vergangenen Jahren mit zunehmender Wirtschaftskraft nach außen aggressiver geworden?

Shi: Nein, die Zusammenarbeit mit Deutschland ist intensiver, sonst hätten wir den wachsenden Handel gar nicht. Aber Fakt ist auch, dass Chinas Produkte immer mehr zur Konkurrenz für westliche Produzenten werden. Wir entwickeln uns weiter, schließlich wollen wir nicht ewig am Ende der globalen Wertschöpfung verharren. Aber das sorgt natürlich bei Produzenten in der Mitte und ganz oben für Zweifel, ob sie auch künftig noch führend sein werden. China wächst mit gewaltigem Tempo und wir verstehen, dass da auch eine gewisse Angst vorhanden ist. Aber heißt es auf Deutsch so schön: Angst ist kein guter Ratgeber.

WELT: Deutsche Unternehmen beschweren sich nicht über Wettbewerb, sondern darüber, dass einheimische Firmen auf dem chinesischen Markt vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden.

Shi: Schauen Sie sich die Fakten an. Die drei deutschen Autokonzerne sind für 38 Prozent des gesamten chinesischen Pkw-Marktes verantwortlich. Allein VW produziert ein Drittel seiner weltweiten Produktion in China. Aber die Zeiten sind auch für deutsche Firmen härter geworden. Weil der Wohlstand in China wächst ist die Zeit schnellen Geldes für viele Unternehmen vorbei. Das muss man mal ganz klar aussprechen.

WELT: Früher war China lukrativer für westliche Firmen?

Shi: Nun, das Leben war einfacher und das Geschäft häufig lukrativer. Früher haben westliche Produzenten nur geliefert und die Menschen haben es gekauft, egal ob die Produkte gut oder schlecht waren. Heute müssen die Firmen bessere Qualität liefern. Früher ging es um die Sicherung der Existenz, heute nach 40 Jahren Öffnung haben wir einen bescheidenen Wohlstand erreicht und mit dem Lebensstandard steigen auch die Ansprüche. Jetzt setzen wir mit der gerade abgeschlossenen ersten Importmesse ein klares Zeichen für mehr Import. Ich bin sicher, der chinesische Markt mit fast 1,4 Mrd. Menschen bietet große Chance für alle.

WELT: Die EU formuliert gerade Regeln, um ausländische Investitionen in der gesamten EU eingehender prüfen und letztlich auch verbieten zu können. Wäre das für China Anlass seine eigenen Marktbarrieren zu überdenken?

Shi: Diese Ängste vor chinesischen Übernahmen sind völlig unbegründet. Schauen Sie sich das Beispiel des Roboterherstellers Kuka an: Drei Jahre sind seitdem vergangen und was ist aus Kuka geworden? Die Firma hat so viele Aufträge, dass sie ihre Kapazitäten ausbauen muss. All die Warnungen, dass Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut werden oder dass alle Technologien nach China gehen, trafen nicht zu. Kuka hat sogar zusätzlich Mitarbeiter eingestellt und in der Firma sind alle froh, dass die Chinesen das Unternehmen übernommen haben. Auch das Management ist geblieben; da gibt es doch ganz andere Negativbeispiele. Bei den meisten chinesischen Übernehmen kommen nur zwei oder drei Manager aus dem chinesischen Mutterkonzern, aber die deutsche Unternehmensführung bleibt. Und dann bekommen die Firmen mehr Aufträge aus China und so wie Kuka den vollen Zugang zum chinesischen Markt.

WELT: Das wünschen sich auch andere Firmen. Es geht bei der Debatte nicht darum, dass Arbeitsplätze verloren gehen, sondern darum, dass der chinesische Markt für ausländische Unternehmen bei weitem nicht so offen ist, wie der deutsche für chinesische.

Shi: Schauen Sie, vor vierzig Jahren war die chinesische Wirtschaft völlig isoliert von der Außenwelt und überhaupt nicht konkurrenzfähig. Seitdem haben wir uns weit geöffnet und zwar weit mehr als die Welt uns das zugesteht: Nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation haben wir 2300 Gesetze und Verordnungen angepasst, den durchschnittlichen Zollsatz auf 7,5% gesenkt und damit unsere Zusagen weit übertroffen. China ist heute für 120 Länder der wichtigste Handelspartner und damit völlig integriert in die Weltwirtschaft. Gleichzeitig steckt China aber noch immer mitten im Prozess der Industrialisierung. Deutschland ist technologisch weit fortschrittlicher als China. Der deutsche Markt ist in vielerlei Hinsicht offener als der chinesische. Aber wir arbeiten doch intensiv daran, uns weiter zu öffnen. Die Öffnungsmaßnahmen werden schrittweise umgesetzt, wie in der Autoindustrie dürfen ausländische Elektroautobauer schon jetzt 100prozentige Tochtergesellschaft gründen. Ab 2022 werden dann sämtliche Beteiligungseinschränkungen aufgehoben.

WELT: US-Präsident Donald Trump wirft China auch im Handel unfaire Praktiken vor und hat deshalb Strafzölle verhängt. Ende des Monats treffen sich US-Präsident Trump und Staatspräsident Xi Jinping auf dem G20-Gipfel in Argentinien. Wird China den USA eine Brücke bauen, so dass der Handelskrieg beendet werden kann?

Shi: Vor wenigen Tagen erst hat Präsident Xi mit Präsident Trump telefoniert. Sie waren sich einig, dass beide Seiten nach einer Lösung des Konflikts suchen sollten. Hohe Beamte auf beiden Seiten haben bereits Kontakte aufgenommen und auf der Arbeitsebene laufen schon Gespräche über eine mögliche Lösung.

WELT: Was können Sie den Amerikanern denn anbieten?

Shi: Beide Länder sind wirtschaftlich so stark verflochten, dass der eine nicht ohne den anderen auskommt. Wenn die Amerikaner uns keine Chips liefern, bekommen sie auch keine Bauteile von uns, in denen diese Chips eingebaut werden. Dadurch sanktionieren die Amerikaner sich praktisch selbst. Beinahe ein Drittel der chinesischen Exporte in die USA werden von US-Firmen in China produziert. Deshalb liegt es auch in beiderseitigem Interesse, so schnell wie möglich eine tragfähige Lösung im Handelskonflikt zu finden.

WELT: Das heißt, China wird auf Trumps Forderungen eingehen?

Shi: Man kann in Geschäften immer Zugeständnisse machen und dazu sind wir auch bereit. Aber wir sind nicht bereit, uns erpressen zu lassen und unter hohem Druck von unseren prinzipiellen Positionen abzuweichen. Dass Beamte auf höchster Ebene miteinander sprechen, ist ein gutes Zeichen. Amerikaner, EU, China; gegenwärtig spricht irgendwie jeder mit jedem und das ist doch eigentlich etwas Gutes, weil es für Stabilität sorgt. Am kommenden Sonntag kommt Liu He, der für Wirtschaft und Finanzen zuständige Vize-Premier, nach Deutschland, um Gespräche mit deutschen Spitzenpolitikern zu führen und das Vertrauen zu stärken.

WELT: Millionen Chinesen kommen jedes Jahr als Touristen nach Deutschland, zehntausende studieren hier, chinesische Firmen investieren hier, Chinesen kaufen in den Großstädten Immobilien. Sind für die Chinesen Fremdenfeindlichkeit und der Erfolg der der AfD ein Thema?

Shi: Was die Parteilandschaft hierzulande angeht, bin ich der Überzeugung, dass Deutschland ein gefestigtes politisches System hat, das auf soliden Grundpfeilern der Verfassung fußt. Das System hat sich trotz vieler Herausforderungen gut bewährt und wird sich weiter bewähren. Aber Fremdenfeindlichkeit ist schon ein besorgniserregendes Problem und uns fragen Investoren deswegen regelmäßig, ob sie im Osten oder Westen Deutschlands investieren sollen.

WELT: Was antworten Sie denn auf die Frage, ob Unternehmen besser in Ost- oder Westdeutschland investieren?

Shi: Die treibt schon die Frage um, wo die Fremdenfeindlichkeit am stärksten ausgeprägt ist. Die Unternehmen wollen wissen, ob ihre Investitionen und ihre Mitarbeiter sicher sind und meine Antworten sind da von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

WELT: Wird über fremdenfeindliche Vorkommnisse in Deutschland in China berichtet?

Shi: Ja, und einige potenzielle Investoren scheinen beunruhigt zu sein.

WELT: Haben denn die Vorkommnisse in Chemnitz das Deutschlandbild in China verändert?

Shi: Ich würde sagen, sie haben das Bild nicht verändert, aber schon negativ beeinflusst. Aber an dem grundsätzlichen Vertrauen in die Stärke der deutschen Institutionen und der Demokratie in diesem Land hat Chemnitz nichts geändert

WELT: Frau Merkel hat angekündigt nicht mehr für den CDU-Vorsitz zu kandidieren, die Diskussion um ihre Nachfolge ist in vollem Gange. Sehen Sie Deutschland durch diese Führungsdebatte geschwächt?

Shi: Als Botschafter von China habe ich Frau Merkel schon sechs Mal persönlich auf ihren vergangenen Chinareisen begleitet. Mit jedem Besuch kennt und versteht sie China besser. So entsteht auch in der deutschen Politik ein parteiübergreifender Konsens, stärker mit China zusammenarbeiten zu müssen. Ich habe großen Respekt vor Frau Merkels Entscheidung und bin vollkommen überzeugt, egal wer ihre Nachfolge antritt, dieser Konsens weiterhin mit Leben erfüllt wird.

ENDE

 

Anmerkung: In der gedruckten Zeitung DIE WELT vom Donnerstag, 22.11.2018, steht durch einen redaktionellen Irrtum eine falsche Version des Interviews mit dem Botschafter Shi Mingde. Hier lesen Sie die richtige Version auch bei WELT online unter dem Link:

https://www.welt.de/wirtschaft/article184285484/Chinas-Botschafter-sorgt-sich-um-Fremdenfeindlichkeit-in-Deutschland.html

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