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Botschafter Wu Ken im Interview mit SPIEGEL
2020/05/08

(Quelle: Spiegel.de)

SPIEGEL: Herr Botschafter, hat China den Kampf gegen das Virus gewonnen?

Botschafter Wu: China hat in den vergangenen Monaten eine sehr schwierige Phase durchgemacht, aber jetzt ist die Epidemie im Großen und Ganzen eingedämmt. Seit Ende März liegt die Zahl der Neuinfektionen pro Tag im einstelligen Bereich. Die am schlimmsten betroffene Stadt Wuhan ist wieder offen, das ganze Land ist auf gutem Weg zur Normalität. Wir hatten gerade landesweit fünf Tage Ferien, da haben mehr als hundert Millionen Menschen touristische Reisen in China unternommen. Die größte Gefahr ist jetzt, dass Infektionen aus dem Ausland eingeführt werden.

SPIEGEL: China hat mit dem konsequenten Lockdown die Ausbreitung von Covid-19 erst mal gestoppt. Zugleich konnte es nicht verhindern, dass sich das Virus auf der ganzen Welt ausbreitet. Welche Fehler hat die Regierung gemacht?

Botschafter Wu: China war als erstes Land mit dem unbekannten Coronavirus konfrontiert. Nun wird behauptet, die Regierung habe den Ausbruch vertuscht. Aber China hat nichts vertuscht, sondern schnell und transparent reagiert.

SPIEGEL: Vom Ausbruch bis zum Lockdown vergingen wertvolle Wochen, in denen nichts geschah.

Botschafter Wu:Die chinesischen Behörden hatten am 27. Dezember die erste Meldung einer Lungenkrankheit unbekannter Ursache, vier Tage später wurde die Weltgesundheitsorganisation WHO darüber informiert, eine Woche darauf wurde der Krankheitserreger identifiziert, am 12. Januar machte China fünf vollständige Genomsequenzen des Virus öffentlich, und am 23. Januar wurde die Elfmillionenmetropole Wuhan komplett abgeriegelt.

SPIEGEL: Ihre Regierung hat also keine Fehler gemacht?

Botschafter Wu: Was wir gelernt haben, ist, dass unsere strategischen Vorräte an medizinischen Fachleuten und Materialien unzureichend waren. Wir müssen die Investitionen in die medizinische Infrastruktur erhöhen und das Gesundheitssystem durch bessere Planung krisenfester machen.

SPIEGEL: Noch im Januar fanden in Wuhan Großveranstaltungen mit Zehntausenden Menschen statt. Ärzte berichten, dass sie daran gehindert wurden, Fälle von Corona-Erkrankungen zu melden. Erst am 20. Januar ging China davon aus, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt.

Botschafter Wu: China wird jetzt rückblickend kritisiert, nicht schneller reagiert zu haben. Das erinnert mich an eine deutsche Redensart: Hinterher ist man immer klüger. Covid-19 war der Menschheit unbekannt, deshalb gab es kein fertiges Drehbuch, wie darauf zu reagieren ist. Kein Land kann weitreichende Entscheidungen ohne wissenschaftliche Beweise treffen. In Europa wurde sogar über die Maskenpflicht drei Monate lang diskutiert. Um festzustellen, ob eine Erkrankung von Mensch zu Mensch übertragbar ist, sind zahlreiche epidemiologische Daten und eine strenge wissenschaftliche Begründung erforderlich. Das braucht Zeit.

SPIEGEL: Nachdem der mittlerweile an Covid-19 verstorbene Augenarzt Li Wenliang Ende Dezember auf das Virus hingewiesen hatte, wurde er zum Schweigen gebracht. Warum?

Botschafter Wu: Dr. Li hat sich am 30. Dezember in einer privaten WeChat-Gruppe mit Kollegen über sieben angeblich bestätigte Fälle von Sars ausgetauscht. Er war kein Whistleblower, denn er hatte nicht die Absicht, die Öffentlichkeit zu warnen. Dr. Li wurde von der Polizei vorgeladen, weil seine falsche Aussage, es handele sich um Sars, eine Massenpanik hätte auslösen können. Die Vorladung von Li war rechtskonform, aber der verhängte Verweis war unangemessen, weshalb die Polizei den Verweis widerrufen und sich bei seiner Familie entschuldigt hat. Die Regierung hat ihm posthum die höchste Ehrung erteilt. Leider wurde sein Tod von den USA instrumentalisiert und zu einer Antikommunismuskampagne aufgebauscht. Solche Manipulationen kann man nur verachten.

SPIEGEL: Wenn es keine Fehler gab, warum wurde dann der Parteichef der Provinz Hubei gefeuert?

Botschafter Wu:Natürlich hat diese beispiellose Epidemie auch einige unserer Unzulänglichkeiten aufgezeigt. Wir denken darüber nach, wie wir in Zukunft die Beziehung zwischen Wissenschaft und öffentlicher Kommunikation durch die örtliche Politik verbessern können.

SPIEGEL: Ist China schuld an der weltweiten Ausbreitung von Corona?

Botschafter Wu: Ein Virus kann jederzeit und überall auf der Welt ausbrechen. Wie alle anderen betroffenen Länder ist auch China Opfer und kein Täter. Zudem hat China dem Rest der Welt durch seine schnelle Reaktion mindestens sechs Wochen Zeit zur Vorbereitung auf die Pandemie verschafft. Es ist schade, dass viele Länder diese Zeit nicht genutzt haben. Einige Politiker haben sogar gesagt, Corona sei nur eine Grippe.

SPIEGEL: Aus den USA, auf die Sie anspielen, kommen Forderungen gegen China auf Schadensersatz. Haften Sie für den Ausbruch und seine Folgen?

Botschafter Wu:Völkerrechtlich gesehen gibt es weder einen Vertrag noch einen Präzedenzfall, der den Staat, aus dem ein Virus stammt, verpflichtet, für die Verluste anderer Staaten aufzukommen. Wer sollte für Epidemien wie die H1N1-Grippe, Aids oder Rinderwahn verantwortlich gemacht werden? Für diejenigen, die China für die Pandemie haftbar machen wollen, geht es nicht um das Völkerrecht, sondern um Schuldzuweisungen.

SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump behauptet, dass das Coronavirus aus einem Labor in Wuhan kommt. Warum lässt China keine unabhängige Untersuchung zu, um die Vorwürfe auszuräumen?

Botschafter Wu: Die USA haben in letzter Zeit viele Verschwörungstheorien über China verbreitet, um von ihren eigenen Versäumnissen abzulenken. Sowohl die WHO als auch viele international renommierte Wissenschaftler sind der Meinung, dass nichts dafür spricht, dass das neuartige Virus in Labors hergestellt wurde.

SPIEGEL: Das Virus könnte auch versehentlich aus dem Labor entwichen sein. Aus den USA und Großbritannien sind derartige Fälle bekannt.

Botschafter Wu: Das Labor in Wuhan hat die Schutzstufe 4, vergleichbar mit dem BSL-4-Labor des Robert Koch-Instituts in Berlin. Kein einziger Mitarbeiter des Labors hat sich mit dem Virus infiziert. Es ist nichts mehr als eine wilde Spekulation.

SPIEGEL: Was spricht dann gegen eine unabhängige Untersuchung, um den Ursprung des Virus herauszufinden?

Botschafter Wu: Was internationale Untersuchungen angeht, sind wir offen. Wir unterstützen den Forschungsaustausch unter Wissenschaftlern. Derzeit arbeiten chinesische und amerikanische Wissenschaftler gemeinsam an Forschungsprojekten zur Rückverfolgung des Virus. Aber wir lehnen es ab, wenn China ohne Beweis auf die Anklagebank gesetzt, schon im Voraus seine Schuld unterstellt und dann durch sogenannte internationale Untersuchungen nach Beweisen gesucht wird. Die Suche nach dem Ursprung des Virus soll von Wissenschaftlern durchgeführt und nicht von Politikern instrumentalisiert werden.

SPIEGEL: Auch chinesische Politiker betreiben Propaganda: Der stellvertretende Außenamtssprecher Zhao Lijian etwa verbreitete die Behauptung, dass amerikanische Teilnehmer an den Militärspielen 2019 das Coronavirus nach China eingeschleppt hätten. Stimmen Sie zu?

Botschafter Wu: Einzelne US-Politiker diffamieren China in jeder erdenklichen Weise. Herr Zhao hat nur in seinem persönlichen Twitter-Account Medienberichte retweetet. Diese Tweets spiegeln die berechtigte Empörung der chinesischen Öffentlichkeit über die massive Stigmatisierung Chinas durch einige amerikanische Politiker wider.

SPIEGEL: Mit wem aus der Bundesregierung sprechen Sie über die Krise, wie eng ist der Kontakt?

Botschafter Wu:Die Staats- und Regierungschefs unserer beiden Länder haben mehrmals miteinander telefoniert und sich gegenseitige Unterstützung zugesichert. Die Bundesregierung hat zweimal Hilfsgüter an China gespendet. Im Gegenzug haben die chinesische Zentralregierung, lokale Regierungen, chinesische Unternehmen und NGOs Millionen an Masken, Handschuhen oder Schutzbrillen an ihre deutschen Partner gespendet. Über die etablierte Luftbrücke werden täglich bis zu 25 Tonnen medizinische Güter nach Deutschland eingeflogen. Wir können den gemeinsamen Kampf nutzen, um die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland zu stärken.

SPIEGEL: Solange sie fair ist. Die Europäische Union wirft China vor, eine globale Desinformationskampagne zu Corona zu betreiben.

Botschafter Wu: China leidet seit dem Ausbruch der Epidemie besonders unter Desinformationen. Wir haben weder Lust noch Zeit, Desinformationen zu produzieren. Was wir tun, ist, anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten Fake News und Verschwörungstheorien über China zu widerlegen. Wenn Sie die Äußerungen chinesischer mit denen amerikanischer Politiker und Diplomaten vergleichen, dürfte es Ihnen nicht schwerfallen zu sehen, wer eigentlich die Gerüchteküche betreibt. Daher finde ich es schade, dass im EU-Bericht die Erwähnung der USA nicht zu finden ist.

SPIEGEL: Zum scharfen Ton trägt aber auch Ihr Amtskollege in Australien bei, wenn er damit droht, seine Landsleute könnten auf australische Produkte verzichten, weil Australien eine unabhängige Untersuchung zum Virus gefordert hatte.

Botschafter Wu:Das ist eine gezielte Missinterpretation durch australische Medien. Es ist nicht der Stil chinesischer Diplomatie zu drohen. Aber wenn man uns bedroht, dann müssen wir reagieren.

SPIEGEL: Sie verstehen die australische Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung als Bedrohung?

Botschafter Wu: Wir sind für internationale Zusammenarbeit im Bereich Wissenschaft und Medizin. Wir sind aber dagegen, diese nur dafür zu nutzen, um China zu kritisieren oder uns etwas vorzuwerfen. Warum soll sich diese Untersuchung nur gegen China richten? Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht keine Probleme in anderen Ländern?

SPIEGEL: Fürchten Sie, dass die Beziehungen zwischen China und den USA einen neuen Tiefpunkt erreichen?

Botschafter Wu: Eine enge Zusammenarbeit zwischen China und den USA ist die einzig richtige Wahl, aber sie sollte auf gegenseitigem Respekt beruhen. Als größte Volkswirtschaften der Welt müssen wir angesichts der Epidemie einen kühlen Kopf bewahren. Zu politisch motivierten Worten und Taten, die Fremdenfeindlichkeit schüren und andere Länder zum Sündenbock machen, müssen wir Nein sagen. China ist nicht der Feind der USA. Der Feind ist das Virus. Die USA sollten nicht auf die falsche Zielscheibe schießen.

Interview: Christiane Hoffmann, Martin Knobbe

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