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Botschafter Shi Mingde im Interview mit Neue Osnabrücker Zeitung
 (2018-11-05)

Die USA ziehen sich weltweit überall zurück. Wird China in der Zukunft der neue „Weltpolizist"?

Die Amerikaner wollen immer die absolute Dominanz, in der Wirtschaft, in der Politik und bei der Währung. Sie denken über Andere nach ihrer eigenen Logik. Weil sie ständig nach Dominanz streben, glauben sie, dass andere, wenn sie sich entwickeln, ebenfalls nach Hegemonie streben. Wir haben aber nicht die Absicht, Amerika zu ersetzen. Wir hegen keinerlei Absicht für eine Vorherrschaft in der Welt.

Das sehen manche Kritiker anders…

Wir sind in erster Linie mit uns beschäftigt. China hat sich in den vergangenen 40 Jahren sehr schnell entwickelt. Aus einem rückständigen Land ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt geworden. Wir haben 800 Millionen Menschen aus der Armut befreit. Aber wir stehen immer noch vor großen Herausforderungen im Land. Zwar gehören inzwischen 300 Millionen Chinesen zur Mittelschicht. Das Gefälle zwischen den Menschen und den Regionen ist aber immer noch groß. Der wachsende Wohlstand hat auch zu mehr Umweltverschmutzung geführt.

Wir gehen nun intensiv gegen den Smog und verschmutzte Flüsse vor. Durch die Ökologisierung unserer Wirtschaft wird es in China große Chance für deutsche Unternehmen geben. Deutsche Unternehmen sind zum Beispiel führend bei der Wasseraufbereitung, Müllentsorgung und sauberer Kohleverstromung. Hier sehen wir neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Und auch Korruption müssen wir noch bekämpfen. Wir konzentrieren uns also in erster Linie auf die Bewältigung der Probleme in China. Dazu wünschen wir uns um uns herum eine friedliche Umgebung.

Das sagt sich leicht, oder nicht?

Die Welt hat sich verändert. Das wichtigste Merkmal der Globalisierung ist die gegenseitige Abhängigkeit. Das muss man begreifen. Jeder ist von jedem abhängig. Regionale und globale Probleme lassen sich nur noch in globaler Dimension bewältigen. Die Schwellenländer haben heute natürlich mehr Einfluss, weil sie über die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachen und einen immer größeren Teil zum Wirtschaftswachstum beitragen. Zunehmendes wirtschaftliches Gewicht führt auch zu politischen Veränderungen. Alleingänge sind nicht der richtige Weg, um auf die Herausforderungen zu reagieren. Deshalb sind wird dagegen, dass man aus dem Klimaabkommen oder aus dem Atomabkommen mit dem Iran aussteigt, wie es die USA getan haben – das alles schafft nur Unruhe und konterkariert die Erfolge der internationalen Gemeinschaft.

Der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa geht davon aus, dass die USA und China infolge ihrer internationalen Konkurrenz in etwa 15 Jahren im Krieg miteinander liegen. Was denken Sie?

Diese Logik kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Die Amerikaner brauchen Feindbilder und Argumente für ihre Aufrüstung. Niemand kann sich einen Krieg leisten. Ein Krieg in Zeiten von Atommächten bedeutet Vernichtung nicht nur der betroffenen Länder, sondern der Menschheit. Niemand sollte sich also nach der Denkweise des Kalten Krieges verhalten, wonach jede Entwicklung des Einen die Bedrohung des Anderen nach sich zieht. Wir wollen einen friedlichen Aufstieg, um unser Land zu entwickeln. Wenn es 1,3 Milliarden Menschen gut geht, ist das ein Beitrag zur Stabilität und nicht zu Gefahr und Krieg.

Warum rüstet China dann seit Jahren deutlich auf?

Die Amerikaner geben jährlich mehr als 700 Milliarden Dollar für ihre Rüstung aus. Das ist rund die Hälfte aller Militärausgaben in der Welt. Unsere Militärausgaben sind nur ein Bruchteil davon.

Seit Beginn des Jahrtausends steigen Chinas Militärausgaben kontinuierlich an, auf zuletzt immerhin mehr als 200 Milliarden Dollar im Jahr…

Wir haben ein sehr großes Land und müssen in der Lage sein, dieses Land zu beschützen. Wir werden aber kein Wettrüsten mitmachen. Wir verwenden in erster Linie unsere Ressourcen für die wirtschaftliche Entwicklung und die Verbesserung des Lebensstandards und für die internationale Zusammenarbeit.

Apropos, wie steht es um das deutsch-chinesische Verhältnis?

Sehr gut. Deutschland genießt in China einen sehr guten Ruf. Im vergangenen Jahr waren 1,5 Millionen chinesische Touristen hier. Im Schnitt übernachten sie zweimal und geben pro Tag 800 bis 900 Euro aus. Sie kaufen Markenwaren und bringen ihren Verwandten Geschenke mit. Wir sehen auch ein zunehmendes Interesse in Deutschland an der chinesischen Sprache. Es gibt schon rund 300 Gymnasien, an denen Chinesisch unterrichtet wird. In China ist Deutsch nach Englisch die wichtigste Fremdsprache. Zurzeit studieren 60.000 chinesische Studenten in Deutschland. Außerdem gibt es rund 500 Partnerschaften zwischen Universitäten und Forschungsinstituten zwischen Deutschland und China.

In Kürze steht der deutsch-chinesische Wirtschaftstag in Köln bevor. Was versprechen Sie sich davon?

Angesichts der Turbulenzen und Unberechenbarkeit in der Weltpolitik und in der Weltwirtschaft hat das Treffen eine besondere Bedeutung. Es geht um Innovation als Triebkraft für die wirtschaftliche Entwicklung. Das ist sehr wichtig für China und für Deutschland. Innovation bedeutet aber nicht in erster Linie Technologie, sondern vor allem innovatives Denken und die Erneuerung bestehender Systeme. Wir brauchen neue Formen der Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland.

Wie könnten die aussehen?

Bislang haben sich deutsche Unternehmen auf den chinesischen Markt konzentriert und chinesische Unternehmen auf Deutschland und die EU. Es ist nun Zeit, dass China und Deutschland gemeinsam in Drittländern tätig werden. Erste Erfahrungen damit haben wir in Afghanistan und in Afrika gemacht. Wir sollten in Zukunft gemeinsame Projekte entlang der Neuen Seidenstraße in Zentralasien, in den Ländern der früheren Sowjetunion, in Ost- und Mitteleuropa vorantreiben. Das kann eine gemeinsame Finanzierung bedeuten, wie es beispielsweise bei einem Wasserkraftwerk in Angola geschehen ist. Oder auch Joint-Ventures. Anstatt als Konkurrenten zueinander sollten deutsche und chinesische Firmen in Zukunft öfter als Partner auftreten. Ich erwarte, dass der deutsch-chinesische Wirtschaftstag entsprechende Empfehlungen abgibt.

Kritiker der Seidenstraßen-Initiative Chinas warnen, Peking wolle durch die Infrastrukturprojekte weltweit Einfluss gewinnen, beispielsweise in Osteuropa und in Afrika. Verstehen Sie das Misstrauen?

Es gibt offenbar die Angst, das alles könnte zum einseitigen Nutzen Chinas sein. Für uns ist aber der gemeinsame Erfolg entscheidend. Je mehr die Fakten zu Tage treten, umso mehr glauben wir, werden die Bedenken deshalb abnehmen. Die wichtigsten Prinzipien der Initiative der neuen Seidenstraße lauten: gemeinsame Konsultation, gemeinsamer Aufbau und gemeinsamer Nutzen.

Was macht Sie da so sicher?

Der asiatische und der europäische Kontinent sind eigentlich eins. Die Wirtschaften der Länder wachsen im Prozess der Globalisierung zusammen. Das ist der Hintergrund unserer Initiative. Mehr wirtschaftliche Verflechtung bedeutet auch mehr politische Stabilität. Wohlgemerkt: Wir betrachten das als Initiative, nicht als eine geostrategische Strategie, um zu einer Vorherschaft zu kommen. Seit Beginn der Initiative vor fünf Jahren hat China mit mehr als 130 Staaten Verträge zur Implementierung der Zusammenarbeit entlang der Neuen Seidenstraße vereinbart. Das ist bemerkenswert. Was Deutschland betrifft: Die Wirtschaft ist sehr interessiert an dem Projekt. Die Banken sind auch bereit, an der Finanzierung teilzunehmen. Es besteht Skepsis vor allem in der Politik und bei verschiedenen Think Tanks.

Deutschland will sein Außenwirtschaftsgesetz verschärfen und es damit ausländischen Firmen erschweren, bei deutschen Unternehmen einzusteigen, bzw. sie zu kaufen. Was sagen Sie dazu?

Deutschland investiert seit 30 Jahren in China; der Wert deutscher Investitionen in China beträgt über 80 Milliarden Euro. China hat gerade mal vor ein paar Jahren begonnen in Deutschland zu investieren, vorher waren wir dazu gar nicht in der Lage. Im vergangenen Jahr lagen unsere Investitionen in Deutschland gerade mal bei fünf Prozent aller Auslandsinvestitionen und bei nicht einmal einem Drittel der amerikanischen Investitionen in Deutschland. Die gesamten chinesischen Investitionen in Deutschland machen nur 1,2 Prozent aller ausländischen Investitionen aus. Soll das etwa eine Bedrohung darstellen? Die Ängste entbehren jeder Grundlage. Deshalb sendet eine Verschärfung des Außenwirtschaftsgesetzes ein falsches Signal in die Welt. Wir müssen gemeinsam an den Prinzipien von Freihandel und Multilateralismus festhalten, und das nicht nur mit Worten, sondern mit Taten.

Was sehen Sie, wenn Sie von Außen auf die EU schauen – Streit und Schwäche oder Einheit und Stärke?

Leider sehen wir des Öfteren unterschiedliche Standpunkte in der EU, obwohl Einheit gefordert wäre. Wir können uns wünschen, dass Europa als geeinte Kraft auf der internationalen politischen und wirtschaftlichen Bühne auftritt. Dafür sorgen müssen die Europäer aber selber. Wir haben die europäische Integration von Anfang an aus Überzeugung gestützt, weil wir der Auffassung sind, dass die Welt nicht unilateral, sondern multilateral sein sollte. Auch in der Zeit der Finanzkrise hat China weder mit Schadenfreude nach Europa geblickt noch die Wirtschaften der Länder nach unten gestuft. Im Gegenteil: Wir haben Staatsanleihen von vielen hoch verschuldeten Ländern gekauft, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Wir hoffen, dass Europa auch künftig politisch und wirtschaftlich eine wichtige Rolle spielt. Der Euro soll stabil bleiben. Wir wollen nicht, dass in der Welt nur der US-Dollar dominiert.

Eine starke EU ist aber doch auch ein schwierigerer Partner für China?

Wir haben manchmal unterschiedliche Positionen, oft aber vertreten wir auch gemeinsame Standpunkte, zum Beispiel bei der Frage von freiem Handel und der Aufrechterhaltung der multilateralen internationalen Ordnung. Reibungen wird es immer geben. Das hindert uns aber doch nicht daran, dass wir in großen Fragen auf einer gemeinsamen Linie sein können und der Tendenz zum Unilateralismus etwas entgegensetzen. Wir sollten für das Funktionieren der internationalen Ordnung und ihrer Institutionen wie den Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation gemeinsam eintreten.

(Neue Osnabrücker Zeitung)

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